Weltreise

Auf dem Weg nach und die ersten Tage in Marokko, 26.Sep. – 07. Okt. 2016

Chères amies et chèrs amis

(ich hoffe das stimmt so, mein Schulfranzösich lässt zu wünschen übrig…)

nun sind wir schon seit 10 Tagen in Marokko und staunen immer wieder über die so andere und oft beschwerliche Art, wie die Menschen hier leben, die Gastfreundschaft und die grandiosen Landschaften. Ich auf jeden Fall bin begeistert von diesem Land und fühle mich absolut sicher und als Gast respektiert. Aber alles der Reihe nach und bitte etwas ausführlicher:

Zuerst die Lösung des Rätsels vom letzten Blog, die Mäuse auf MANni’s Dach (welche uns übrigens, wenn auch nach einer Inspektion weniger zahlreich, noch weiter begleitet haben): da wir ja an dem besagten Tag durch Eichenwälder zum Startplatz in Algodonales gefahren sind, waren es natürlich – Eicheln! Diese sind im Wind auf dem Dach herumgekullert und haben echt wie Mäuse getönt! Auch jetzt sind ein paar oben, dieses Mal jedoch marokkanische.

Marokkanische “Mäuse”

Nun aber zurück zum zeitlich korrekten Ablauf unserer Reise. Wieder einmal ist es Mittag, bis wir alles in und um MANni erledigt haben und von unserem Stellplatz oberhalb des Atlantikstrandes wegkommen. Unser heutiges Ziel ist Algeciras. Wir haben uns entgegen unserem ursprünglichen Plan, von Tarifa nach Ceuta, der spanischen Enklave, überzusetzen, entschlossen, von Algeciras nach Tager Med. zu verschiffen. So können unsere persönlichen Zollangelegenheiten an Bord erledigt werden und wir müssen nur noch die zeitlich begrenzte Einfuhr von MANni an Land erledigen, was Zeit sparen soll.

Unterwegs nach Algeciras machen wir in Tarifa einen kurzen Zwischenhalt. Hier hat vor wenigen Jahren ein neuer Entsorgungsplatz für Wohnmobile eröffnet, welcher aber komischerweise nicht ausgeschildert ist. Suchen und finden muss Mann oder Frau ihn im Internet! Gegen eine geringe Gebühr ensorgen wir den Inhalt unserer beiden Abwassertanks und füllen noch den angebrauchten Frischwassertank. Dann geht es weiter, um die südlichste Spitze von Europa, in Richtung Algeciras und Gibraltar. Dieser zu England gehörende Fels an der Südspitze Spaniens gibt sich heute ganz Britisch: er hat einen grossen Wolkenhut auf, Spanien liegt im Sonnenschein!

Very british: Gibraltar

Algeciras umfahren wir auf der Autovia, denn in einem Vorort soll eine Agentur sein, wo man günstig Fährtickets kaufen kann. Dank Navi finden wir diese auf Anhieb und können wirklich ein Rückfahrbillet für MANni und uns beide für sagenhafte 200 Euro kaufen. Im Internet war der billigste Preis fast 400 Euro! Und obendrein gibt es auch noch eine kleine Tüte mit einer Flasche vino tinto und einen Cake als Geschenk!!! Wir erhalten die Erlaubnis, resp. uns wird angeboten, einfachheitshalber direkt vor der Agentur, welche an einer wenig befahrenen Seitenstrasse eines Industriegebiets liegt, für die Nacht stehen zu bleiben. Wir sind nicht die Einzigen, zwei französische Wohnmobile gesellen sich noch dazu. Dann machen wir noch letzte Einkäufe im um die Ecke liegenden Supermarkt und sind nun gerüstet, am Dienstag die Überfahrt nach Afrika unter die Räder oder eher unter den Kiel in Angriff zu nehmen.

Früh sind wir am Dienstag unterwegs. Obwohl es nur ca. 20 Minuten zum Fährhafen sein sollen, möchten wir sicher sein, dass wir rechtzeitig für die 10-Uhr Fähre am richtigen Ort sind. Wir wissen ja nicht, wie kompliziert es zugeht und wie viele Fahrzeuge ebenfalls auf dieses Schiff möchten. Schon um 7 Uhr ist Tagwache und um 8 Uhr sind wir unterwegs. Aber wie sich zeigt, die Zufahrt ist wirklich klar ausgeschildert und es sind nur wenige, welche ebenfalls nach Marokko möchten. Wir warten und kurz vor 10 Uhr kommt so langsam etwas Bewegung auf. Schon bald ist MANni sicher im Bauch des Schiffes untergebracht, wir begeben uns an Deck. Lange kann es nicht mehr dauern, bis wir ablegen und wir möchte die Abfahrt von Europa doch live miterleben. Aber eben, wir sind ja unterwegs nach Afrika und dort ticken die Uhren eben anders (wie übrigens hier in Südeuropa auch schon, nur nicht ganz sooo laaangsaaam ;-)). Es wird dann doch fast 11 Uhr, bis endlich die Dieselgeneratoren das Schiff zum Zittern bringen und wir ablegen – Marokko wir kommen!

MANni im Bauch der Fähre

Die Überfahrt ist ruhig und unterwegs können wir unsere Pässe abstempeln lassen und erhalten unsere Registriernummern für Marokko. Nach ca. der halben Strecke kommt die Küste von Marokko in Sicht und schon nach 1 1/2 Stunden legen wir in Tanger Med. an. Nun muss nur noch MANni registriert werden, soll ja ganz einfach sein. Na ja, kompliziert ist es nicht wirklich, es braucht aber eben etwas Geduld und Zeit… Zuerst einmal die fehlenden Angaben auf dem Zollpapier von MANni ergänzen (welches uns von der Agentur in Algeciras ausgefüllt wurde, gehört zum Service), dann zurück zur Polizei, welche zum Glück nur ca. 100 Meter weit weg ist, meine Registriernummer bestätigen lassen (da MANni auf meinen Namen eingelöst ist, muss ich ihn ein- und auch wieder ausführen). Zurück zum Zoll, alles o.k., und dann mal warten, bis wir an der Reihe sind mit der Kontrolle. Denn obwohl mehrere Beamte hier herumstehen, ist nur einer für die Kontrolle aller ankommenden Fahrzeuge zuständig. Und wenn man dann erst der 4. in der Reihe ist, kann das, je nach Gründlichkeit des besagten Beamten, eben dauern…

Unterdessen komme ich etwas ins Plaudern mit zwei offensichtlich höher gestellten Zollbeamten, welche von mir wissen wollen, ob wir kein Motorrad oder ein Quad oder gar eine Waffe dabei haben? Nein, haben wir alles nicht und wenn wir wirklich eine Waffe dabei hätten, würde ich es ihnen sicher nicht sagen, scherze ich. Keine Reaktion, es geht also wirklich eher locker zu und her. Einer der beiden meint noch, dass sie unseren Truck gut gebrauchen könnten- “Da sind Sie nicht die Ersten, welche das sagen” meine Antwort. Dann sind wir an der Reihe, der kontrollierende Zöllner hat Zeit für uns, wir gehen zu MANni und Armin hinüber – kein Motorrad dabei, keine Waffen? Nein, nichts davon… Begutachtung von Aussen, kurz in den Aufbau schauen – “Das ist ja ein Hotel!” -, einige Schubladen, der Kühlschrank, die Türen zur Dusche und zum WC werden geöffnet – kurz das Fahrerhaus inspiziert – alles o.k., wir können weiter. Dies alles hat nur ca. drei Minuten gedauert, nach einer Wartezeit von dreissig Minuten! Afrika eben!

Da es hier in Marokko erst Mittag ist (Schweizer Zeit minus 1 Stunde), möchten wir noch ein Stück fahren, uns etwas an die Verhältnisse auf der Strasse zu gewöhnen und dann einen schönen Platz für die Nacht suchen. Kurz gesagt: es geht, vor Allem in den Städten, sehr afrikanisch zu, jeder fährt da, wo es gerade Platz zum Durchkommen hat, es ist ein Gewusel von Autos, Rollern und Velos auf der Starsse und die Leute laufen auf und über die Strasse, wie es gerade kommt! Hier heisst es aufpassen, besonders mit einem Vehikel wie unserem! Und da die Beschilderung und die Wegweiser nicht ganz so gut sind, wie wir verwöhnten Europäer es uns gewöhnt sind, kommen wir in Tetouan auch prompt von der korrekten Routenführung ab und landen in ziemlich engen Gassen, welche alle in Richtung der Medina (so werden die alten Stadtteile genannt) verlaufen, vollgeparkt mit Autos … wie geht das schon wieder, mit dem grossräumigen Umfahren von Engstellen? Glücklicherweise finden wir die Hauproute wieder und fahren weiter nach Süden, hinein ins Rifgebirge. Hier ist das grösste Anbaugebiet für Canabis in Afrika und als Tourist soll man hier vorsichtig sein, kein Hasch kaufen und sich nicht als Drogenkurier anstellen lassen!

Wir biegen von der Haupstrasse ab und kurven auf einer kleinen, schmalen Strasse in die Berge auf der Suche nach einem netten Übernachtungsplatz. Doch die Strasse ist nach wenigen Kilometern nicht mehr da – die Brücke über den kleinen Fluss ist einfach weggeschwemmt worden. Und hier kann sich MANni zum ersten Mal behaupten – auf Geröll steil hinunter, um eine wirklich enge Spitzkehre, zurüch in Fahrtrichtung, durch den Fluss und wieder steil hinauf auf die Strasse. Wir sind unsicher, ob wir die scharfe Kurve meistern können, aber ein uns voraus fahrender LKW-Chauffeur zeigt Armin, wie weit hinaus er fahren kann und so meistern wir diese erste Herausforderung bravurös! Was wir nicht so schmerzlos meistern, ist die Suche nach einem, auch nur so kleinen Platz, wo wir MANni hinstellen können! Hier in Nordmarokko hat es einfach keine freien Plätze neben der Strasse, wo man sich hinstellen könnte. Und wenn ja, dann sicher gerade neben einem Dorf und jeder noch so kleine Feldweg führt zu einem Haus. Endlich, nach etlichen Kilometern, ein freier Platz neben der Strasse, wo wir uns hinstellen können! Wir merken, so einfach, wie wir es uns meistens gewohnt sind, wird es hier nicht mit einem Übernachtungsplatz!

Weggeschwemmte Strasse

Am nächsten Tag fahren wir gemütlich durch das Rifgebirge, ohne dass wir von den ach so berüchtigten Drogendealern belästigt werden. Wir besichtigen die Medina von Chefchaouen, ganz in Blautönen gehalten, eine der schönsten im Land, eine Hochburg des Hachverkaufs, wo wir aber nur wenige Male, fast im Flüsterton, wegen “good haschisch!” angesprochen werden. Und auch heute ist es schwierig, einen geeigneten Stellplatz zu finden. Erst als es schon fast ganz dunkel ist, stelle ich MANni einfach auf ein kleines, ebenes Plätzchen direkt neben die Strasse. Da es eine Nebenstrasse ist und es wenig Verkehr hat, wird es hoffentlich nicht allzu unruhig werden: aber weiterfahren bei Dunkelheit, mit schlecht beleuchtetem Gegenverkehr und gänzlich unbeleuchteten Fussgängern und Eselfuhren auf der Strasse wird mir zu gefährlich! Welcome in Africa!

Nun haben wir beide unsere ersten Erfahrungen auf Marokkos Strassen gemacht. Fazit: der Teerbelag, auch auf den Hauptstrassen, ist in sehr unterschiedlichem, oft lausigem Zustand und wir werden uns noch viel Mühe geben müssen, MANni so gut es geht an all den Schlaglöchern vorbei zu lenken, ihn so sanft als möglich über die unzähligen Bodenwellen zu schaukeln und die Räder die meiste Zeit auf dem ausgefransten Teerband zu halten!

Ausgefranstes Teerband

Die Landschaft hier in Nordmarokko ist abwechslungsreich aber staubtrocken. Je nach Gegend wird Ackerbau oder Schafzucht betrieben. Und überall hat es Esel: als Reittier, als schwer beladenen Lastenträger, zum Weiden neben der Strasse angebunden – manchmal an einem um ein Vorderbein gebundenes, an einem Pflock befestigten Seil, manchmal auch einfach an beiden Vorderbeinen gefesselt … Und überall sind dekorative, bunte Tupfe auf den Büschen und im Strassengraben – keine Blumen, sondern eine Unmenge von Raschelsäcken in allen Farben! Von Umweltbewusstsein keine Spur. Na ja, die Entsorgung des Abfalls durch die Bevölkerung ist hier ein anderes Thema…

Nächstes Abenteuer: Fès, eine der vier Königsstädte des Landes. Abenteuerlich schon die Besichtigung des eventuell als Stellplatz zu nutzende ,bewachte Parkplatz oberhalb der Medina – das Navi führt uns durch die Abfalldeponie der Stadt! Der Platz wird als potentiell brauchbar befunden (trotz LKW-Verbot, aber wir haben ja ein Wohnmobil!) und wieder zurück durch die Deponie auf dem Weg zu einem etwas ausserhalb gelegenen Campingplatz. Wir haben uns entschieden, bei unseren raren Besuchen der grossen Städte doch lieber auf einem Campingplatz zu bleiben, da wir dann auch noch waschen und entsorgen können, was, vor allem letzteres, unterwegs doch eher schwierig ist.

Da wir aber unbedingt noch einkaufen möchten, bevor wir uns niederlassen, suchen wir per Navi eine Einkaufsmöglichkeit. Nach einer afrikanischen Fahrt um die gefühlte halbe Satdt finden wir ein grosses Einkaufszentrum – mit Parkhaus! Aber in der Nähe finden wir einen Platz, wo wir MANni hinstellen können. Am Eingang des Zentrums eine Überraschung: jeder, der hinein will, wird von einem Security durch eine Scanner geschickt, welcher auch bei allen brav angibt. Und trotzdem darf jeder ohne anschliessende Durchsuchung hinein …?

Stadtbesichtigung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Fès mit unseren deutschen Campingnachbarn und einem Guide. Viele Erklärungen und Erläuterungen, auch Geschichtliches in gutem Deutsch, viele wirklich sehenswerte Moscheen, die älteste Universität der Welt, eine Karawanserei, eine alte Koranschule … und eine nicht zu erwartende Vielfallt an Geschäften, in welche wir geführt werden. Es ist ja üblich, dass jeder Guide die Touristen in mindestens ein Teppichgeschäft schleppt, wo er bei einem erfolgreichen Verkauf Provision erhält – aber wir kommen in den Genuss von folgenden Verkaufsstellen: zisellierte Bronceware (Teller, Teekannen, Lampen, allerlei Schnickschnack).

Schnickschnack im Bronceladen in Fes

Dann Teppiche, Lederwaren (hier können wir die Gerberbottiche auch von oben besichtigen, bevor uns Taschen, Jacken und Mäntel und Babuschen gezeigt werden). Dann Mittagessen in einem kleine, nicht ganz billigen Restaurant (unser Führer muss zum obligatorischen Gebet abtreten, wer mit uns in Sansibar Town war, kennt dies). Danach weiter zum Tuchweber und -händler, wo wir erfahren, dass aus Agavenfasern hier so genannte Agavenseide hergestellt werden kann. Und als krönender Abschluss noch eine Drogerie mit Naturprodukten. Überall sehr nett und zuvorkommend, viele Informationen zu den hergestellten Produkten und natürlich überall der Versuch, möglichst etwas an den Mann resp. die Frau zu bringen. Unsere bescheidene Ausbeute: für mich ein Paar “klimatisierte” Babuschen (marokkanische Slipper), etwas schwarzer Kümmel (wird in einem klainen Tuch zerrieben und inhaliert, gut gegen Schnupfen, Husten und Schnarchen!) und ein kleines Fläschchen kosmetisches Arganienöl für die Haut oder die Haare. Ihr werdet mich nicht mehr kennen, wenn ich nach dem Einsatz dieses Öls ohne Falten wieder zu Hause bin ;-)!!!

Königspalast in Fes

Müde, aber zufrieden sitzen wir am Abend vor MANni und geniessen bei Kerzenschein Brot und Käse.

Die nächsten drei Tage sind wir im mittleren Atlas unterwegs. Auch hier eine eindrückliche, sehr abwechslungsreiche Landschaft. Wir fahren auf kleinen und kleinsten Teersträsschen durch die Berge, oft sind es auch nur einfache Pisten, welche MANni z.T. doch einiges abfordern. Immer wieder heisst es “Ohren zu und durch”, vor allem der Lack wird arg strapaziert … und wieder haben wir Mäuse auf dem Dach! Aber auch wir werden gefordert – Gegenverkehr auf einspurigen Strässchen, Wahlveranstaltungen (am 7.10. sind Wahlen, wie wir später erfahren) und ich darf MANni sogar durch ein kleines Dorf im Niergenswo mit eben so einer Veranstaltung manövrieren, der Durchgang zwischen den auf beiden Seiten parkierten Autos gerade mal breit genug für uns! Und die staunenden Augen der Bergbevölkerung: so ein Gefährt und dann noch eine Frau am Steuer!!! Nur in den Städten haben wir ganz vereinzelt fahrende Frauen gesehen.

Ausser in den grösseren Ortschaften leben die Menschen hier vorwiegend in Bretterbuden, oft nur notdürftig mit Plastikplanen abgedichtet. Die Berbernomaden stellen spitze Behausungen, ebenfalls aus Brettern, auf, wo sie etwas vor Wind und Wetter geschützt sind. Ihr Leben spielt sich draussen mit den Tieren ab, mit denen sie auf der Suche nach Nahrung herumziehen. Die Kinder gehen nicht zur Schule und kommen oft schon angerannt, wenn sie ein Fahrzeug von Weitem sehen. Dann stehen sie winkend am Wegesrand, in der Hoffnung, ein Geschenk oder Geld vom reichen Touristen zu erhalten. Davon wird aber abgeraten, da die Kinder auf diese Weise lernen, dass betteln mehr einbringt als harte Arbeit! Nur, wenn eine Gegenleistung geboten wird, soll das auch mit einem kleinen Geschenk oder wenig Geld honoriert werden.

Wir möchten uns und MANni an einer recht schwierigen Pistenfahrt durch eine Schlucht versuchen, welche in unserem Offroad-Führer beschrieben ist. Schwierigkeitsgrad 4-5 von 5. Und um es gleich vorneweg zu nehmen: wir kommen nicht durch resp. möchten MANni nicht über Gebühr beanspruchen oder gar beschädigen! Da die Erkundung dieser Strecken z.T. schon einige Jahre zurückliegt, kann es eben sein, dass unterdessen heftige Regenfälle, wie 2014 in Marokko geschehen, viele Pisten verwüstet haben und es kein Durchkommen mehr gibt. Nach einer abenteuerlichen, steilen,stellenweise seitlich geneigten, recht langen Abfahrt in ein Qued (ausgetrockneter Flusslauf) geht es weiter in eine immer enger werdende Schlucht, buchstäblich über Stock und Stein. MANni verwindet sich bis zum Anschlag. Schon bald muss ich aussteigen und vorausgehen, damit ich Armin per Funk Anweisungen geben kann, wo er am Besten durchfahren kann und wie er MANni um grosse Felsbrocken herum manövrieren kann. Und dann ist irgendwann Schluss für uns, zu grosse Felsen liegen hier herum!

Über Stock und Stein

Also im Rückwärtsgang zurück, ebenfalls über Stock und Stein, zu einer etwas breiteren Stelle, wo Armin MANni wenden kann. Dann wieder eine Joggingeinlage für mich mit gleichzeitiger Einweisung per Funk, der steile Aufstieg aus dem Qued und wir stellen uns an den Rand einer schönen Schlucht auf dem Rückweg zur Teerstrasse. Und hier bleiben wir dann auch den nächsten Tag, machen Pause und winken den wenigen Offroadfahrern zu, welche offensichtlich ein Durchkommen finden – sind ja auch nicht so breit und gross wie MANni! Und hier ein weiteres Rätsel: was meint ihr, welcher Nationalität waren wohl der grosse Teil der Offroad-Touristen? Übrigens: fast alle Wohnmobile und sonstige Fahrzeuge, welchen wir begegnen, auch auf den wenigen Campingplätzen, auf denen wir herumlümmeln, kommen aus diesem grossen Kanton! Oder ist das zu viel Hilfe bei der Lösung?

Unterdessen sind wir seit drei Tagen im Hohen Atlas unterwegs. Die Landschft weiterhin grandios schön, karg, aber trotzdem von einer unbschreiblichen Schönheit und Vielfältigkeit. Da es in dieser Gegend offensichtlich vor kurzem ziemlich heftig geregnet hat (es wird Winter!), ist die Strasse hie und da voller Gröll und die Furten sind mit matschigem Lehm bedeckt. Die Behausungen sind nun aus ungebranntem Lehm oder gebrannten Ziegelsteinen gebaut. Letzteres jedoch eher selten. Die Lehmbauten fügen sich fast unsichtbar in die Berglandschaft ein, haben aber den grossen Nachteil, dass sie sich bei Regen einfach in flüssigen Lehm auflösen… Auch hier eine bitterarme Bervölkerung, weniger Nomaden mit ihren Schafen, Ziegen und Kamelen, eher sesshafte Menschen, welche an den fruchtbaren Flussläufen Ackerbau betreiben. Wir sehen viele Apfelplantagen, bis auf 2300 MüM, schwer behangen mit den reifen Äpfeln!

Unterwegs im Hohen Atlas

Der Alltag der älteren Bevölkerung scheint aus einer einzigen Plackerei zu bestehen. Wir sehen oft Frauen, welche am Boden kauernd oder sitzend von Hand, mit Messer oder Sichel, das saftig grüne Gras als Viehfutter oder die überall angepflanzte Pfefferminze für Tee abschneiden. Zu Bündeln gebunden wird die Ernte auf dem Rücken, Kopf oder mit dem Esel transportiert. Die Wäsche wird am Fluss von Hand gewaschen und auf Felsen oder Büschen zum Trocknen ausgelegt. Feuerholz wird mühsam gesammelt und ebenfalls in Bündeln auf dem Rücken oder per Esel nach Hause transportiert. Die kleinen Kinder werden mit einem Tuch auf den Rücken gebunden und so wahrscheinlich den ganzen Tag herumgetragen, immer wieder auch von nur wenige Jahre älteren Mädchen! Die Männer pflügen noch mit Maultier und Handpflug, wie bei uns in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts! (Wie das tönt: letztes Jahrhundert, ja gar Jahrtausend, da wurden wir ja geboren!!! Mann, sind wir alt geworden ;-)!) Und auch hier immer wieder am Strassenrand stehende, bettelnd und winkende Kinder.

Sowohl die Männer wie auch die Frauen sind traditionell islamisch konservativ gekleidet. Daneben die männlichen Jugendlichen in Jeans und Lederjacke, mit Handy und Ohrstöpseln, die Mädchen in engen, meist schwarzen Jeans, mit einer längeren Bluse oder Jäckchen, oft mit Kopftuch, manchmal aber auch ohne. Gegensätze über Gegensätze!

Hier im Hohen Atlas finden wir einfacher einen ungestörten, abgelegenen Stellplatz als bisher. Die Gegend ist einsamer, weniger dicht bevölkert. Es regnet hier auch ein wenig, das erste Mal seit wir Spanien erreicht haben! Leider reicht es nicht, den arg zugestaubten und nun auch an seiner Unterseite mit Lehm zugepflasterten MANni auch nur ansatsweise zu reinigen. Die letzten grösseren Regenfälle haben wir knapp verpasst.

Eine weitere Pistenfahrt steht auf dem Programm, ob es dieses Mal geht? Wir möchten die Dadesschlucht von oben anfahren, eben über eine Piste, bevor wir auf der gut ausgebauten Teerstrasse den unteren, spektakulären Teil durchfahren. Aber auch hier müssen wir forfait geben: schon nach wenigen hundert Metern verliert sich die Piste, der Regen hat ganze Arbeit geleistet. Und wer weiss, wie es weiter unten, bei den als eng beschriebenen Passagen am Steilhang ausgesehen hätte? Wir entscheiden und für Plan B und fahren gemütlich, ohne Stress und Angstschweiss über eine erstaunlich gute und breite Teerstrasse nicht in die Dades-, sondern in die mehr oder weniger paralell verlaufende Todraschlucht ein und geniessen die Fahrt durch diese tief in den roten Fels gegrabene Schlucht, welche an der engsten Stelle nur gerade 10 Meter breit ist. Am Ende der Schlucht möchten wir zum 2. Mal auf einen Campingplatz, zuerst müssen wir jedoch noch Frisches einkaufen. Der kleine Supermarkt in der grösseren Ortschaft Tineghir soll sogar Alkoholika führen (wir sind schon seit einigen Tagen trocken!), ansonsten entpuppt sich das laut Reiseführer gut sortierte Geschäft für Camper als Laden mit lauter Konserven und abgepackter, lange haltbarer Ware! Aber offensichtlich sowohl bei Touris als auch bei den islamischen Einwohnern bekannt als Geschäft, wo Alkohol gekauft werden kann! Sobald das Geschäft um 16 Uhr öffnet, wird es von deutschen Touristen, deren Reisebus extra hier gehalten hat, gestürmt und eine jeder kommt mit einer in Papier eingepackten Flasche wieder heraus. Auch einige einheimische Männer kommen mit leeren Stofftaschen, welche mit Dosen bestückt werden, die dann mehr oder weniger versteckt herausgetragen werden. Wir kaufen hier je zwei Flaschen marokkanischen Weiss- und Rotwein und Wasser, frisches Obst, Gemüse und Brot kaufen wir im nahe gelegenen Zentrum in den kleinen Läden ein.

Tineghir am Ausgang der Todraschlucht

Und hier lassen wir uns auf ein weiteres kleines Abenteuer ein: Armin wird vor dem oben genannten Geschäft von einem jungen Mann angesprochen, welcher schon öfter in der Schweiz zu Besuch bei seiner schweizer Freundin war und ihm Tipps zum Besuch des typischen Berbermarktes im Ort geben will. Nachdem wir MANni gleich neben dem Marktplatz im Zentrum parkiert haben, kommt per Zufall (?) der selbe junge Mann des Weges und will uns unbedingt gerade jetzt, er hat ja Zeit, eben diesen Markt zeigen, der Weg ist doch etwas kompliziert zu erklären! Also gehen wir mit, auch wir haben es nicht eilig. Es geht in die Medina, durch die überdeckte und deshalb ziemlich düstere Männergasse zur ebenso düsteren Frauengasse (typische Männer- und Frauengegenstände werden sterng getrennt in verschiedenen Gassen feil geboten, so will es der Prophet!), um Ecken und Kurven. Wo sind wir hier und was erwartet uns? Wir sind nun nicht mehr so sicher, ob dies eine gute Idee war, aber nun können wir nicht mehr zurück. Unser Führer betont immer wieder, dass er uns zu einem Handwerksbetrieb führt und kein Geld dafür will. Wir landen schlussendlich vor einer mit Vorhängeschlössern gesichterten Türe. Nach einigem Rufen und Warten erscheint eine Frau, welche aufschliesst – und wir befinden und wirklich in einer Teppichweberei, wo die Teppiche vom Waschen der Kamel- und Schafwolle über das Kämmen, Spinnen und Färben in Handarbeit hergestellt werden. Ein weitere Mann erscheint, welcher der Neffe der Geschäftsinhaberin ist und sehr gut Deutsch spricht. Wieder so ein grandioser Zufall! Er erklärt uns vieles, versichert immer wieder, dass es hier nicht ums Verkaufen geht. Schon bald verabschiedet sich unser nette Führer, nicht ohne sich zu vergewissern, dass uns sein Bekannter wieder zurück zur Männergasse führt, von wo aus wir den Weg zurück selber finden. Nach dem ersten Minztee wird uns Teppich um Teppich gezeigt, vor uns ausgelegt. Nachdem ich nach etwa 6 Teppichen versichere, dass wir keinen brauchen oder kaufen, etwas Enttäuschung im Gesicht. Sogleich aber wieder Freundlichkeit, ob wir auch die Schmuckabteilung sehen möchten. Möchte ich aus Neugierde, es soll ja typischer, echter Berberschmuck sein. Also einige Treppen hinunter und weitere Erklärungen zum wirklich schönen, handgemachten Silberschmuck. Hier sehe ich dann auch zwei Halsreife (richtig, Reif, keine Kette), welche mir gut gefallen. Der genannte Preis wohl angesichts des Materials und der Handarbeit nicht zu hoch, aber handeln gehört zum guten Ton – also üben wir uns auch mal darin. Ich frage, ob dieser Preis für beide Reife ist, was leichtes Entsetzen hervorruft. Also versuchen, den Preis für das besser gefallende Stück zu drücken – gar nicht so einfach, ohne blasse Ahnung, was dafür bezahlt werden kann. Armin und ich einigen uns auf einen uns für beide Seiten fair erscheinenden Betrag und Armin drückt dem erstaunten Mann die Geldscheine direkt in die Hand! Dieser muss jedoch zuerst bei seiner Tante nachfargen, ob sie das schöne Stück zu diesem Preis hergibt – gibt sie. Vielleicht hätten wir tiefer gehen sollen, aber wie ich am Abend im Reiseführer lese, haben wir wahrscheinlich den einzigen Händler weit und breit erwischt, welcher authentische Ware zu einem angemessenen Preis verkauft. Handeln fast unmöglich! Und was zu Beginn als doch etwas riskantes Vertrauen ausgesehen hat, hat sich als gute und in unserer Erinnerung verbleibende Erfahrung entpuppt!

Nun sind wir also hier auf einem kleinen sauberen Campingplatz. Gestern noch in guter Gesellschaft von 4 Wohmos (von wo wohl ?), heute alleine. Wir haben unsere Wäsche gewaschen (na ja, wir ist vielleicht einer zu viel ;-)), haben Fotos hochgeladen, Updates über das gratis WLAN heruntergeladen, unsere von Stefan übermittelten Zahlungen per E-Banking erledigt und euch wieder auf den neusten Stand gebracht.

Morgen möchten wir weiter. Zuerst steht die berühmte und viel gerühmte Dadesschlucht auf dem Programm, ev. die Pistenüberquerung von der Dades- zur Todraschlucht (wo wir jetzt sind), welche sich bei beiden Schluchten auf halbem Weg befindet. Und dann soll es weiter in Richtung Dünen und Sand gehen, wir sind ja schon an den südlichen Ausläufern des Hohen Atlas. Laut Informationen, welche wir gestern von einem … Expeditionsmobilfahrer erhalten haben, welcher gerade von den Dünen kommt, soll es dort heftig geregnet haben und die Sandpisten sind z.T. nass und deshalb tiefgründig, schwierig zu befahren. Und in den Ortschaften herrscht eine Rattenplage – das kann ja heiter werden!

Wir bleiben dran! Bis bald.

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